Am 10. Oktober 1937, um 16 Uhr, wurde im Gefängnis der Stadt Werchneuralsk im Ural ein 75-jähriger Häftling erschossen. In den Akten trug er die Nummer 114. Für Millionen Gläubige war er das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche: Metropolit Peter (Poljanski). Zwölf Jahre lang hatte er sie aus der Verbannung und aus der Einzelhaft geleitet. Heute verehrt ihn die Kirche als heiligen Märtyrer.

Ein Beamter, kein Kirchenfürst
Peter Poljanski kam 1862 als Sohn eines Dorfpfarrers in der Nähe von Woronesch zur Welt. Nach dem Studium in Moskau arbeitete er jahrzehntelang in der kirchlichen Schulverwaltung. Als Inspektor reiste er durch das ganze Russische Reich, von Sibirien bis in den Kaukasus.
Erzpriester Wladimir Worobjow, Rektor der Orthodoxen Sankt-Tichon-Universität in Moskau, hat sich wie kaum ein anderer mit Peter beschäftigt. Er beschreibt ihn als einen Menschen aus dem Herzen des einfachen kirchlichen Volkes: kindlich schlicht, vertrauensvoll, nicht nachtragend und allen gegenüber freundlich. Peter habe nie ein „Kirchenfürst“ sein wollen, schon gar kein Diplomat. Unter normalen Umständen, so Worobjow, wäre er ein gewissenhafter, angenehmer Beamter geblieben und hätte nie von einer geistlichen Karriere geträumt.
Eine Entscheidung mit offenen Augen
Doch 1920 war die Kirche im Bürgerkrieg einer blutigen Verfolgung ausgesetzt. Tausende Priester und mehr als zehn Bischöfe waren bereits getötet worden. In dieser Lage bat Patriarch Tichon den 58-jährigen Laien, Mönch, Priester und Bischof zu werden und ihm bei der Leitung der Kirche zu helfen. Wie sich die Familie erinnerte, sagte er danach zu seinem Bruder, dem Priester Wassili: „Ich kann nicht ablehnen. Wenn ich ablehne, werde ich zum Verräter an der Kirche. Aber wenn ich zustimme, das weiß ich, unterschreibe ich mir selbst das Todesurteil.“
Für Worobjow liegt in diesem Satz der Schlüssel zu Peters ganzem Leben. Taktik und Diplomatie hätten damals nicht mehr funktioniert, und verstecken konnte man sich nirgends. Im Oktober 1920 wurde Peter zum Bischof geweiht. Schon im folgenden Jahr kam er ins Gefängnis und danach für 2 Jahre in die Verbannung in den Norden.
„Entweder Verrat oder ein Opfergang bis zum Tod. Eine andere Wahl gab es nicht.“
Der Nachfolger des Patriarchen
1923 kehrte Peter nach Moskau zurück und wurde der engste Mitarbeiter des Patriarchen, bald auch Metropolit von Krutizy. Tichon ahnte, dass er nicht mehr lange leben würde, und bestimmte drei mögliche Nachfolger. Weil die ersten beiden in der Verbannung waren, übernahm Peter nach Tichons Tod im April 1925 die Leitung der Kirche als Patriarchatsverweser. Worobjow schreibt: Der sterbende Patriarch schickte ihn als seinen Nachfolger, „ebenfalls zum Sterben“. Peter habe das verstanden und sei gehorsam gegangen, in Demut, wenn auch mit Angst.

Auch als Oberhaupt der Kirche blieb er bescheiden. Das Geld, das man ihm nach den Gottesdiensten gab, ließ er meist sofort an Priester in Gefängnissen und in der Verbannung schicken. Gleichzeitig musste er ständig mit Jewgeni Tutschkow verhandeln, dem Mann der Geheimpolizei für den Kampf gegen die Kirche. Worobjow nennt das die schwerste aller Aufgaben: höflich bleiben, um keine neuen Strafaktionen auszulösen, und doch weder den Glauben noch andere Menschen preisgeben. Der einzige Weg sei gewesen, selbst im Feind noch etwas Menschliches zu suchen, in der Hoffnung, dass auch sein Herz einmal weich wird.
„Ich fürchte nur eines“
Die Geheimpolizei verlangte von Peter eine Erklärung der Loyalität, die Absetzung unbequemer Bischöfe und eine enge Zusammenarbeit. Er lehnte ab und rechnete mit seiner Verhaftung. Im Dezember 1925 schrieb er eine Art Vermächtnis: „Ich fürchte die Arbeit nicht, ich habe sie geliebt und liebe sie. Ich fürchte auch das Urteil der Menschen nicht. Ich fürchte nur eines: Fehler, Versäumnisse und unbeabsichtigte Ungerechtigkeiten.“
Wenige Tage später wurde er verhaftet. Im Verhör fragte man ihn, ob die Kirche die soziale Revolution als gerecht anerkennen könne. Seine Antwort: „Nein, das ist unmöglich. Die soziale Revolution ist auf Blut und Brudermord gebaut, und das kann die Kirche nicht anerkennen.“ Später bot ihm Tutschkow die Freiheit und eine Kur auf der Krim an, wenn er sein Amt abgebe. Peter blieb.
Am Polarkreis: „Der Herr ist nahe“
1927 brachte man den kranken 65-Jährigen in das Dorf Che an der Mündung des Ob, fast am Polarkreis. Niemand durfte ihn begleiten. An einen befreundeten Bischof schrieb er: „Ich lebe in einem eigenen kleinen Haus, in völliger Einsamkeit, und mache alles selbst. Aber einsam fühle ich mich nicht, denn der Herr ist nahe und der Schutzengel ist bei mir.“
Er feierte Gottesdienste in der kleinen Dorfkirche, taufte Kinder und traute Paare. Weihrauch gab es nicht, deshalb streute man Harz ins Weihrauchfass, und der lungenkranke Metropolit bekam davon Atemnot. Die Menschen im Dorf mochten ihn. Einmal schenkten sie ihm zwei Polarfuchsfelle und baten ihn, für sie zu beten. Bei einer Hausdurchsuchung 1929 suchte die Geheimpolizei Briefe, fand aber nur diese Felle und beschlagnahmte sie als Beweismittel.
Ein Brief aus dem Eis
1927 hatte Metropolit Sergius, den Peter zu seinem Stellvertreter bestimmt hatte, eine Erklärung der Loyalität zum Sowjetstaat veröffentlicht. Viele Bischöfe protestierten. 1929 erreichte ein mutiger Bote mit Dokumenten das ferne Dorf. Er fand Peter schwer krank vor. Im Dezember schrieb Peter an Sergius und bat ihn, den Fehler zu korrigieren, der die Kirche in eine erniedrigende Lage gebracht habe. Über sich selbst schrieb er nur: „Ich habe alle Arten von Leiden durchgemacht, die man sich vorstellen kann. Es scheint, als hätte ich nur eine Jahreszeit: die Zeit der Trauer. Aber der Herr verlässt mich offenbar nicht.“
Für Worobjow zeigen diese Briefe eine außergewöhnliche Größe des Geistes, verbunden mit tiefster Demut und Sanftmut. Keine Spur von Zorn, Kränkung oder Klage. Peter verurteilte niemanden und setzte Sergius nicht ab, obwohl er dessen Kurs ablehnte. Gerade so habe er eine echte Spaltung der Kirche verhindert. Dass man ihn deshalb für schwach halten konnte, nahm er in Kauf.
„Ich habe die Sonne nicht gesehen“
Im August 1930 wurde Peter erneut verhaftet. Kurz davor hatte er, so seine Lebensbeschreibung, seine Sachen an Arme verschenkt. Es begann eine Einzelhaft, die mehr als 7 Jahre dauern sollte. 1931 kam Tutschkow persönlich in das Gefängnis von Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg. Er bot ihm die Freiheit an, wenn er heimlich als Spitzel für die Geheimpolizei arbeite. Peter schrieb dazu: „Solche Tätigkeiten sind mit meinem geistlichen Stand unvereinbar und passen auch nicht zu meinem Wesen.“ Wenige Tage nach dem Besuch waren sein rechter Arm und sein rechtes Bein gelähmt.
Im Mai 1931 schrieb er an den Chef der Geheimpolizei: „Während der ganzen Haft habe ich noch kein einziges Mal die Sonne gesehen.“ Seine 20 Minuten an der Luft fanden nachts statt. Er litt an Asthma, verlor in der stickigen Zelle oft das Bewusstsein und lag dann auf dem kalten Boden. Später schrieb er: „Den Tod fürchte ich nicht. Ich möchte nur nicht im Gefängnis sterben, wo ich die letzten Sakramente nicht empfangen kann und wo nur die Wände Zeugen meines Todes sein werden.“
Immer wieder verlangte man, er solle auf sein Amt verzichten. Er antwortete, das Amt halte ihn persönlich nur in Fesseln. Aber es sei nicht seine private Sache. Würde er allein darüber entscheiden, wäre er „ein Verräter an der heiligen Kirche“. Es sind fast dieselben Worte wie 1920 im Haus seines Bruders. Worobjow erklärt, warum dieses Ausharren so wichtig war: Fast alle, die der Kirche treu bleiben wollten, beteten für Peter, in Russland und im Ausland, Gegner und Anhänger von Sergius. Hätte er sich die Freiheit erkauft, wäre daraus wohl eine endgültige Spaltung geworden. So wurde der Häftling, schreibt Worobjow, zum Felsen, auf dem Gott die Einheit der Kirche bewahrt hat.
Häftling Nummer 114
1936 wurde seine Haft um 3 Jahre verlängert. In Moskau hieß es bald, er sei gestorben. Doch Peter lebte, in einer Einzelzelle in Werchneuralsk. Im August 1937 sprach er bei einem Rundgang einen Aufseher an. Er bat um etwas abwechslungsreicheres Essen und sagte dann: „Ich sitze hier schon lange, es ist schwer ohne Menschen und ohne Gespräch.“ Er betrachte sich weiter als Oberhaupt der Kirche und sei durch seinen Eid gebunden. Der Aufseher notierte, wie beherrscht der Häftling gesprochen habe, und nannte ihn trotzdem einen unversöhnlichen Feind.
Dieser Bericht genügte für das Todesurteil. Verhört wurde Peter nicht einmal mehr. Am 2. Oktober 1937 verurteilte ihn ein Sonderausschuss der Geheimpolizei, am 10. Oktober wurde er erschossen. Wo er begraben liegt, weiß niemand. 1997 sprach ihn die Russische Orthodoxe Kirche heilig.
Auf den ersten Blick wirkt Peter nicht wie ein Held, gibt Worobjow zu. Seine Briefe klingen sanft, manchmal fast zögerlich. Doch in dieser Sanftmut sieht Worobjow keine Schwäche, sondern Größe. Ohne Macht, ohne Waffen und fast ohne Nachrichten von draußen blieb dieser Mann einfach treu. Für Worobjow wurde er zum Zeichen der inneren Freiheit der Kirche und zum Beweis, dass am Ende nicht ihre Verfolger gesiegt haben.
