Eine schöne Frau kommt zu Besuch. Der Dichter geht in den Garten und schneidet Rosen für sie. Dabei sticht ihn ein Dorn in die Hand. Die kleine Wunde heilt nicht, der Arm wird dick, und bald ist der Dichter tot. So erzählt man seit fast 100 Jahren vom Tod von Rainer Maria Rilke. Aber stimmt die Geschichte?

Ein Dichter in einem alten Turm
Rilke ist 1875 in Prag geboren. Er hat Gedichte auf Deutsch und auf Französisch geschrieben. Ab 1921 hat er in der Schweiz gewohnt, in einem kleinen alten Turm in den Bergen. Der Turm heißt Muzot, und am Haus gab es einen Garten mit Rosen. Die Rose ist in Rilkes Gedichten sehr wichtig.
Die Legende
Im Jahr 1926 hat ihn eine Frau aus Ägypten besucht. Sie war sehr schön. Für sie hat Rilke im Garten Rosen geschnitten. Da hat ihn ein Dorn gestochen. Die Wunde ist nicht geheilt. Bald war der ganze Arm dick, dann auch der andere Arm.
Am 29. Dezember 1926 ist Rilke gestorben, mit nur 51 Jahren, in den Armen seines Arztes. Und die Leute haben erzählt: Eine Rose hat den Dichter getötet. Für einen Dichter der Rosen ist das ein fast perfektes Ende. Vielleicht zu perfekt.
Die Antwort der Ärzte
Die Wahrheit ist weniger romantisch. Rilke war schon seit 1923 krank. Er hatte oft Schmerzen und war müde und traurig. Erst kurz vor seinem Tod haben die Ärzte die Krankheit gefunden: Leukämie, also Blutkrebs. Der Dorn war also nicht der Grund für seinen Tod.
Eine neue Idee
Im Jahr 2025 hat die Forscherin Sandra Richter ein neues Buch über Rilke geschrieben. Darin steht eine neue Idee: Rilke hat gegen Schwellungen oft Pflaster mit Blei benutzt. Seine Frau hat sie ihm immer wieder besorgt. Damals war das ganz normal, so normal wie heute Zink. Aber Blei ist Gift. Richter sagt: Vielleicht hat das Blei die Krankheit stärker gemacht oder sogar ausgelöst. Ganz sicher weiß man das nicht.
Die Worte auf dem Grab

Begraben ist Rilke in Raron, einem kleinen Dorf in der Schweiz. Die Worte auf seinem Grab hat er selbst geschrieben und ausgesucht: „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.“ Aber eins ist klar: Die Rose hat Rilke nicht getötet. Sie ist bis zum Ende bei ihm geblieben, in seinen Gedichten.
Am 29. Dezember 2026 ist sein Tod genau 100 Jahre her. Kennst du ein Gedicht von Rilke?
