Mehr als 200 Jahre lang konnte niemand diesen Brief lesen. Jetzt hat ein junger Ingenieur ihn entschlüsselt, obwohl er vorher noch nie einen Code geknackt hatte. Er hat dafür eine künstliche Intelligenz benutzt, und die Maschine brauchte nur etwa 6 Stunden.
Ein Befehl in Zeichen
Im März 1809 plant Napoleon einen neuen Feldzug gegen Österreich. Er befiehlt seinem Stiefsohn Eugène, dem General Marmont zu schreiben, wo seine Truppen stehen. Aber nicht in normaler Schrift, sondern verschlüsselt. Feinde sollen den Brief nicht verstehen, falls sie ihn finden.

Der Brief besteht aus 1.300 Zeichen, die mit der Hand gezeichnet sind. Es gibt 155 verschiedene Zeichen. Ein Buchstabe hat oft mehrere Zeichen, und manche Zeichen stehen für ein ganzes Wort. Der Schlüssel ist verloren. Heute gibt es nur noch ein Foto des Briefes, gedruckt 1969 in einer französischen Zeitschrift.
Forscher haben es jahrzehntelang versucht. Einer hat etwa ein Drittel der Zeichen gelöst, mehr nicht. Ein anderer hat aufgegeben.
Sechs Stunden statt 200 Jahre
Carter Church ist 27 Jahre alt und arbeitet für eine IT-Sicherheitsfirma in den USA. Im September 2026 hat er das Foto der neuesten KI von OpenAI gegeben. Die KI hat das Bild in Zeilen geschnitten, jedes Zeichen gelesen, selbst Programme geschrieben und immer wieder getestet, welche Buchstaben gutes Französisch ergeben.
Danach hat Church jedes Zeichen an allen Stellen im Brief kontrolliert. Am Ende hat ein Experte in Tokio die Lösung geprüft. Er heißt Satoshi Tomokiyo und sammelt seit Jahren Geheimschriften, die noch niemand lesen konnte. Sein Urteil: gelöst.

Was im Brief steht
Der Brief nennt Zahlen und Orte: zum Beispiel 40.000 Bayern zwischen München und Passau, andere Truppen bei Augsburg und Ulm. Und er beantwortet eine kleine Frage der Historiker. In einem gedruckten Befehl Napoleons fehlen an einer Stelle Wörter, dort stehen nur Punkte. Im Brief steht der ganze Satz: Marmont soll keine Angst vor ein paar Soldaten oder einem Haufen Gesindel haben.
Freude und ein seltsames Gefühl
Seit Mitte September hat KI die meisten Geheimschriften auf der Liste von Tomokiyo gelöst. Für ihn ist 2026 ein Wendepunkt. Er freut sich, aber er hat auch gemischte Gefühle: Die Maschine löst diese schweren Rätsel so leicht. Ein anderer Codeknacker hat ihm geschrieben: „Ich fühle mich nutzlos.“
„2026 wird man als Wendepunkt für das Knacken alter Geheimschriften in Erinnerung behalten.“
Church sieht es anders. Die KI bringt vor allem Ausdauer, sagt er. Er glaubt, dass die Listen mit ungelösten Rätseln bald viel kürzer werden. Und lösen werden sie oft Menschen, die einfach neugierig sind. Und Sie? Würden Sie gern ein altes Rätsel lösen, mit KI oder lieber ganz allein?
