Das Wort „Herzstück“ steht heute in Schweizer Zeitungen mehr als doppelt so oft wie im Dezember 2022. Genau damals wurde ChatGPT in der Schweiz verfügbar, und genau dieses Wort benutzen Sprachmodelle besonders gern. Eine Linguistin aus Zürich hat ein großes Korpus von Medientexten ausgewertet und spricht von einem „Sprachwandel auf Speed“. Unklar ist nur, wer hier wen nachahmt: die Maschine den Menschen oder der Mensch die Maschine.

Ein Fingerabdruck aus Wörtern
Julia Krasselt ist Professorin für Angewandte Linguistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Im Auftrag der „NZZ am Sonntag“ hat sie Texte großer Deutschschweizer Medien untersucht, darunter Zeitungen der Verlage Ringier, CH Media und NZZ, die Wochenzeitungen „Weltwoche“ und „WoZ“ sowie den Rundfunk SRF. Als Vergleichspunkt diente der Dezember 2022.
Neben dem „Herzstück“ wurden auch Aufzählungen aus genau drei Substantiven deutlich häufiger. Zugenommen haben außerdem die Verben „zeigen“ und „unterstreichen“ und Adverbien wie „entscheidend“, „zutiefst“ und „präzise“. Am auffälligsten sind der Gedankenstrich und Verneinungen nach dem Muster „nicht …, sondern …“: Sie kommen heute etwa 50 Prozent häufiger vor. Andere typische Wendungen der Chatbots wie „zusammenfassend“ sind dagegen nicht signifikant häufiger geworden.
Warum Maschinen „präzise“ lieben
Woher kommen diese Vorlieben? Der Computerlinguist Rico Sennrich von der Universität Zürich verweist auf eine späte Phase des Trainings. Zuerst lernt ein Modell aus riesigen Mengen allgemeiner Texte. Danach lernt es an konkreten Beispielen, was eine gute Antwort ist. Bewertet haben diese Beispiele schlecht bezahlte Klickarbeiter in Ländern wie Kenia oder Kolumbien. Wörter wie „präzise“ oder „entscheidend“ klingen nach Kompetenz und bekommen deshalb gute Noten. „Durch diese Spirale werden gewisse Muster übertrieben verstärkt“, sagt Sennrich.
Schreibt die Maschine oder schreiben wir wie sie?
Einen Beweis, dass Zeitungen Texte von Chatbots drucken, liefert die Statistik nicht, betont Krasselt. Denkbar sei auch, dass Journalistinnen und Journalisten täglich mit KI-Texten in Berührung kommen und deren Formulierungen unbewusst übernehmen. Für gesprochenes Englisch haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin einen solchen Effekt schon nachgewiesen: Seit ChatGPT sagen Menschen in Vorträgen und Podcasts häufiger Wörter wie „delve“, also ergründen, oder „meticulous“, also akribisch. Die Forscher sprechen von einem geschlossenen kulturellen Kreislauf: Die Maschine lernt von uns, wir lernen von ihr, und die nächste Maschine lernt wieder von uns.
Krasselt sieht darin auch eine Gefahr. KI-Sprache sei darauf trainiert, klug zu wirken, unabhängig davon, ob Inhalt und Fakten stimmen. Wer schreibt, lasse sich leicht von der glatten Oberfläche ablenken. Erklären Menschen mit Hilfe der KI Sachverhalte verständlicher, findet sie das gut. Den Ärger über Politiker, die von KI geschriebene Reden vortragen, kann sie aber nachvollziehen.
Ob wenigstens der Gedankenstrich wieder seltener wird, ist offen. OpenAI-Chef Sam Altman hat angekündigt, ChatGPT verzichte auf Wunsch darauf. Und du? Achte heute einmal darauf, wie oft dir in der Zeitung ein „Herzstück“ begegnet.
