Jahrzehntelang galt in Deutschland: Dialekt ist ein Problem für die Bildung. Wer zu Hause Platt, Hessisch oder Bairisch spricht, hat es in der Schule schwer. Jetzt haben Forscher aus Marburg in die Köpfe von Dialektsprechern geschaut. Ihr Gehirn ähnelt in wichtigen Teilen dem Gehirn von Menschen, die mit zwei Sprachen aufgewachsen sind.
Ein Wort, viele Formen
Ein Beispiel ist das Wort „Bein“. Im Hochdeutschen spricht man es mit „ai“. In Dialekten hört man aber auch „Been“, „Bään“, „Baan“ oder „Boan“. Der Grund ist alt: Früher gab es zwei verschiedene Laute. Im Hochdeutschen sind sie in den letzten 500 Jahren zusammengefallen, viele Dialekte unterscheiden sie bis heute. Wer Dialekt und Hochdeutsch spricht, muss also ständig zwischen zwei Systemen wechseln.
49 Menschen im MRT
Für die Studie haben die Forscher 26 Menschen aus dem Norden von Hessen, die ihren Ortsdialekt gut sprechen, mit 23 Menschen verglichen, die nur mit Hochdeutsch aufgewachsen sind. Die Dialektsprecher haben 10 Wörter mit „ai“ in ihrem Dialekt vorgelesen. So konnte man messen, wie gut sie ihn beherrschen. Dann hat ein MRT genaue Bilder von allen Gehirnen gemacht.
Das Ergebnis: Bei den Dialektsprechern waren 3 Bereiche im Gehirn größer oder dicker. Der erste verarbeitet Laute. Der zweite gilt als Zentrum für Sprache. Der dritte hilft uns, uns zu kontrollieren und zwischen Sprachen zu wechseln. Alle 3 gehören zu einem Netz, das auch bei zweisprachigen Menschen besonders gut ausgebaut ist. Und je besser jemand seinen Dialekt sprach, desto größer war der Bereich für Laute.
Ein Schatz aus dem 19. Jahrhundert
Woher wussten die Forscher, wie man „Bein“ in jedem Dorf sagt? Die Antwort ist fast 150 Jahre alt. Ab 1876 hat der Sprachforscher Georg Wenker Fragebögen an Schulen im ganzen Deutschen Reich geschickt. Meistens haben Lehrer einfache Sätze in den Dialekt ihres Ortes übersetzt. Der erste der berühmten 40 Sätze lautet: „Im Winter fliegen die trocknen Blätter durch die Luft herum.“

So kamen Antworten aus etwa 50.000 Orten zusammen. Die Sammlung liegt heute in Marburg, im Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas. Aus ihr kommen auch die richtigen Formen für den Test.
Ein Beweis ist das noch nicht
Die Gruppen waren klein, zusammen nur 49 Menschen. In Tests zum Denken waren die Dialektsprecher auch nicht deutlich besser. Die Forscher glauben, dass das tägliche Training mit dem Dialekt das Gehirn formt. Beweisen kann die Studie das aber noch nicht. Eine Studie aus der Schweiz hat 2024 sogar keine Unterschiede gefunden. Die Marburger erklären das so: Dort hat keine der beiden Gruppen nur eine Sprache gesprochen.
Für Deutschlernende ist das trotzdem eine gute Nachricht. Wenn dein Nachbar Hessisch, Schwäbisch oder Bairisch spricht, ist das kein falsches Deutsch. Für das Gehirn ist es fast wie eine zweite Sprache. Welchen Dialekt hörst du jeden Tag?
