Fast jedes Kind in Deutschland kennt dieses Bild: Am 31. Oktober 1517 schlägt Martin Luther mit einem Hammer ein Papier an eine Kirchentür. So beginnt die Reformation. Aber war das wirklich so? Darüber streiten Historiker seit über 60 Jahren.

Ein berühmtes Bild
Am 31. Oktober ist Reformationstag. Auf alten Bildern steht Luther, Mönch und Professor, vor der Schlosskirche in Wittenberg. An der Tür hängen seine 95 Thesen. Darin kritisiert er den Ablass: Man konnte Geld bezahlen, und die Kirche versprach weniger Strafe für die Sünden.
Kein Wort von Luther
Um 1960 hat der katholische Historiker Erwin Iserloh die alten Texte genau gelesen. Er hat gemerkt: Aus dem Jahr 1517 gibt es keinen Zeugen. Luther hat später viel über sein Leben geschrieben, aber nie über einen Hammer und eine Tür.
Zum ersten Mal erzählt die Geschichte sein Freund Philipp Melanchthon, erst nach Luthers Tod im Jahr 1546. Aber Melanchthon kam erst 1518 nach Wittenberg. Er war also nicht dabei. Iserloh meinte: Den Hammer hat es nie gegeben. Das ist eine Legende.
Eine Notiz in einer Bibel
Vor etwa 20 Jahren haben Forscher in einer Bibliothek in Jena eine kurze Notiz gefunden. Georg Rörer, der Sekretär von Luther, hat sie um 1540 in ein Neues Testament geschrieben. Dort steht auf Latein: Im Jahr 1517, am Tag vor Allerheiligen, hat Doktor Martin Luther Thesen an die Türen der Kirchen in Wittenberg gehängt. Auch Rörer war nicht dabei, aber er kannte Luther gut.
Ganz normal an der Uni
Viele Historiker denken heute wieder: Luther hat die Thesen wirklich aufgehängt. An der Universität Wittenberg war das ganz normal, so wie heute ein Zettel am Schwarzen Brett. Darum hat Luther nichts darüber geschrieben.
Der Historiker Benjamin Hasselhorn aus Würzburg sagt mit einem Lächeln: „Ernsthafte Zweifel sind nicht mehr möglich.“ In einem Video trägt er ein T-Shirt mit den englischen Worten „Nailed it“. Das heißt: Ich habe es geschafft, aber wörtlich auch: Ich habe es angenagelt.
Und die Tür?
Die alte Tür aus Holz gibt es nicht mehr. Sie ist im Jahr 1760 bei einem Brand verloren gegangen. Seit 1858 hat die Schlosskirche eine Tür aus Bronze. Die 95 Thesen stehen dort auf Latein, direkt im Metall.

Ganz sicher weiß man es nicht. Aber wahrscheinlich war der Moment echt, nur viel leiser als auf den Bildern: kein Held vor vielen Menschen, sondern ein Professor mit einem Zettel. Luther schreibt selbst: Er hat zu einer Diskussion eingeladen, aber niemand ist gekommen.
