Am Rhein steht ein hoher Felsen: die Loreley. Viele Menschen kennen die Geschichte: Oben sitzt eine schöne Frau und singt. Die Männer auf den Schiffen hören das Lied und sterben. Ist das eine uralte Sage? Nein. Ein junger Dichter hat sie erfunden.

Ein gefährlicher Ort
Der Felsen ist 132 Meter hoch. Hier ist der Rhein sehr schmal und sehr tief. Früher waren im Wasser viele Steine. Viele Schiffer sind hier gestorben.
Am Felsen gab es auch ein starkes Echo. Man erzählt: Im Felsen wohnen Zwerge. Aber eine schöne Frau? Davon erzählt niemand.
Ein Dichter hat eine Idee
Im Jahr 1801 erzählt Clemens Brentano in einem Gedicht von einer jungen Frau. Ihr Name ist Lore Lay. Aber ihr Freund hat sie verlassen. Sie steigt auf den Felsen und sieht ein Schiff. Sie denkt: Da ist mein Freund! Sie beugt sich nach vorn und fällt in den Rhein. Seitdem ruft das Echo ihren Namen.
Plötzlich ist die Geschichte alt
Die Geschichte ist neu, aber sie klingt sehr alt. Im Jahr 1811 schreibt ein Historiker über die Frau im Echo. Später merkt er: Das ist keine alte Sage. Brentano hat sie erfunden.
Aber es ist zu spät. Im Jahr 1812 steht Lore Lay schon in einem Buch für Touristen, zwischen alten Sagen vom Rhein. Andere Dichter schreiben weiter: Jetzt sitzt die Frau oben und singt, und die Schiffer fahren gegen die Felsen.
Ein Märchen aus uralten Zeiten?

Etwa 20 Jahre nach Brentano schreibt Heinrich Heine ein Gedicht über die Loreley. Es beginnt so: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.“ Dann sagt Heine: Das ist „ein Märchen aus uralten Zeiten“. Aber das Märchen ist nur etwa 20 Jahre alt!
Im Jahr 1837 schreibt Friedrich Silcher eine Melodie dazu. Das Lied wird weltberühmt. Heute kommen viele Touristen zum Felsen. Eine Frau sehen sie dort nicht. Und Sie? Kennen Sie das Lied?
