Im Jahr 149 meldet jemand im römischen Ägypten die Geburt eines Kindes. Fast 1.900 Jahre später fehlen auf dem Papyrus ganze Stellen des Textes. Eine künstliche Intelligenz hat sie ergänzt. Sie heißt Apollo, wurde in Wien entwickelt und beherrscht Altgriechisch. Ihre größte Stärke ist zugleich ihr Risiko: Sie rät so überzeugend, dass man ihr gern glaubt.

Ein Schatz, den kaum jemand gelesen hat
In der Wiener Hofburg liegt eine der größten Papyrussammlungen der Welt: rund 180.000 Schriftstücke, die meisten aus dem antiken Ägypten. Große Literatur ist selten. Meist geht es um den Alltag: amtliche Schreiben, private Briefe, Verträge, Steuerquittungen und sogar Einkaufslisten.
Seit über 140 Jahren arbeiten Fachleute an der Sammlung, doch veröffentlicht sind erst 8 Prozent. Im Schnitt schaffen sie 470 Papyri pro Jahr. In diesem Tempo bräuchte man allein für die griechischen Texte, etwa ein Drittel der Sammlung, noch 120 Jahre. Weltweit warten mehr als eine Million antiker Papyri darauf, entziffert zu werden.
Ein Sprachmodell für eine tote Sprache
Apollo ist nach Angaben der Österreichischen Akademie der Wissenschaften das erste große Sprachmodell für Altgriechisch. Die Akademie hat es zusammen mit der französischen KI-Firma Mistral entwickelt, die treibende Kraft ist die Althistorikerin Anna Dolganov. Das Problem: Für das Training standen nur rund 600 Millionen Wörter zur Verfügung, aus Papyri, Inschriften und gedruckten Texten. Übliche Sprachmodelle lernen mit mehreren zehn Milliarden Wörtern.
Das Prinzip klingt einfach. Apollo bekommt den Text vor und nach einer Lücke und schlägt vor, was in der Mitte gestanden hat. Wie lang die Lücke ist, schätzt das Modell selbst. Es liefert nicht eine Antwort, sondern mehrere Möglichkeiten. Die Entscheidung, betont Dolganov, liegt immer bei der Forscherin oder dem Forscher.

Der Test mit versteckten Wörtern
Wie gut ist die KI? Die Forschenden haben in bekannten Texten kurze Stellen absichtlich versteckt. Bei Alltagsdokumenten auf Papyrus war die richtige Lösung in rund 80 Prozent der Fälle unter den ersten 20 Vorschlägen, bei literarischen Papyri nur in etwa 55 Prozent. Danach folgte ein Blindtest: 20 Fachleute bewerteten Ergänzungen, ohne zu wissen, woher sie stammten. In 77 Prozent der Fälle hielten sie den Vorschlag der Maschine für mindestens so gut wie den eines Menschen.
Bei einer verkohlten Rolle aus Herculaneum schlug Apollo sogar eine andere Lesart vor als die gedruckte Ausgabe. Die Autoren halten sie für eine plausible Alternative.
Plausibel heißt nicht wahr
Gerade die Entwickler mahnen zur Vorsicht. Ihre Studie ist noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet. Der Blindtest hat gemessen, ob eine Ergänzung überzeugend wirkt, nicht, ob sie stimmt. Ungewöhnliche Schreibweisen und Dialekte bleiben schwierig, und wenn man mehrere Lücken nacheinander füllt, können sich Fehler fortpflanzen. Auch Zeit spart Apollo nicht immer: Nur bei 11 von 20 Texten waren die Fachleute mit der KI schneller.
Deshalb fordern die Autoren, dass jede Ergänzung der Maschine gekennzeichnet und von Menschen geprüft wird. Apollo kann also helfen, Tausende vergessene Stimmen aus dem Alltag der Antike wieder hörbar zu machen. Ob jedes Wort stimmt, entscheidet am Ende ein Mensch. Würden Sie einem alten Brief vertrauen, in dem eine Maschine die Lücken gefüllt hat?
