Jedes Jahr im Dezember singen in Japan Tausende Menschen Beethovens „Ode an die Freude“, auf Deutsch. In Osaka singen sogar 10.000 Menschen zusammen. Oft hört man, wie alles begann: mit deutschen Kriegsgefangenen in einem kleinen japanischen Lager. Aber stimmt diese schöne Geschichte?
Ein Kommandant, der die Verlierer verstand
Im November 1914 erobert Japan die deutsche Kolonie Tsingtau in China. Etwa 4.700 deutsche Soldaten kommen als Gefangene nach Japan. Ab 1917 leben rund 1.000 von ihnen im Lager Bando auf der Insel Shikoku.
Der Kommandant heißt Matsue. Er sagt, man muss die Gefangenen menschlich behandeln, „denn sie haben ja auch für ihr Vaterland gekämpft“. Vielleicht versteht er die Gefangenen gut: Sein Vater gehörte in einem japanischen Bürgerkrieg zu den Verlierern, und die Familie galt danach als Rebellen. Matsue gibt den Deutschen viele Freiheiten, auch wenn er dafür Ärger mit seinen Vorgesetzten bekommt.

Ein Lager wie eine kleine Stadt
In Bando gibt es eine Konditorei, eine Zeitung und etwa 80 kleine Buden. Vor allem gibt es Musik: zwei Orchester und mehrere Chöre. Schon im ersten Lager wollten die Musiker einmal in einem japanischen Geschäft eine Gitarre kaufen und bekamen ein Cello.
Am 1. Juni 1918 spielt das Orchester von Hermann Hansen die ganze Neunte Sinfonie von Beethoven, zum ersten Mal in Asien. Frauen gibt es im Lager nicht, also singt ein Chor aus 80 Männern. Ein Musiker schreibt danach seiner Mutter, besonders der langsame dritte Satz habe ihm gefallen: Welche Ruhe, welcher Trost!
„Denn sie haben ja auch für ihr Vaterland gekämpft.“
Sprang der Funke über?
Heute heißt es oft: Von diesem Abend ist der Funke auf ganz Japan übergesprungen. Aber das Konzert fand im Lager statt, und die japanischen Zeitungen haben nicht darüber berichtet. Ein deutscher Historiker findet nur eine Spur: Ein japanischer Prinz, ein großer Musikfreund, hat in Bando ein Konzert gehört. Später hilft er, die Neunte nach Tokio zu bringen. Dort erklingt sie 1924 öffentlich und wird schnell beliebt. Aber an Bando denkt dabei kaum jemand. Der Historiker glaubt, das Lagerkonzert war etwa 40 Jahre lang vergessen.
Und warum gerade im Dezember? Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Orchester wenig Geld. Die Neunte bringt immer viel Publikum, also spielen sie sie am Jahresende und verdienen so etwas dazu.
Eine Legende, die beiden gefällt
Erst viel später entdeckt man Bando wieder. Seit 1982 singt man in Naruto, der Stadt beim alten Lager, jeden Juni die Neunte. Das große Konzert in Osaka gibt es seit 1983.

Hat Bando also Japan die Neunte geschenkt? Wohl nicht direkt. Aber das Wichtigste an der Geschichte ist wahr: Ein Offizier war freundlich zu seinen Feinden, und Gefangene haben hinter dem Zaun ein Lied über die Freude gesungen. Vielleicht erzählen Japaner und Deutsche die Legende deshalb so gern.