Ein einfaches Blatt aus einem Notizblock, beschrieben mit schwarzem und rotem Kugelschreiber. Am Abend des 9. November 1989 hat dieses Blatt geholfen, die Berliner Mauer zu öffnen. Danach war es mehr als 20 Jahre lang verschwunden. Und wer es am Ende an ein Museum verkauft hat, ist erst seit diesem Jahr bekannt.

Nicht länger als bis 19 Uhr
Günter Schabowski war einer der mächtigsten Politiker der DDR. Am 9. November 1989 sollte er in Ost-Berlin Journalisten über eine Sitzung der Parteiführung informieren. Auf seinem Zettel stehen kurze Notizen: Die Pressekonferenz soll nicht länger als bis 19 Uhr dauern. Weiter unten steht groß das Wort „Zeit!“ und daneben „kurz vor Schluss“. Erst ganz am Ende wollte Schabowski noch einen Text vorlesen: eine neue Regel für Reisen in den Westen.
So kam es auch. Schabowski las die Regel vor. Dann fragten Journalisten: Ab wann gilt das? Darauf war er nicht vorbereitet. Er suchte in seinen Papieren und sagte schließlich den berühmten Satz: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Aber das stimmte nicht. Die neue Regel sollte erst am nächsten Tag gelten, und zwar mit vielen Bedingungen.
Eine Nacht, die die Welt verändert hat
Das Fernsehen zeigte die Pressekonferenz. Noch am selben Abend kamen Tausende Ost-Berliner zu den Grenzübergängen und wollten in den Westen. Die Soldaten an der Grenze waren nicht vorbereitet. Gegen halb zwölf in der Nacht öffneten sie an der Bornholmer Straße den Weg nach West-Berlin. Die Mauer war gefallen.

Der Zettel verschwindet
Und der Zettel? Nach Angaben der Familie hat Schabowski Anfang der Neunzigerjahre ein paar Dokumente an Bekannte gegeben, auch diesen Zettel. Die Papiere kamen nie zurück.
25.000 Euro und ein Geheimnis
Im Jahr 2015 kaufte das Haus der Geschichte in Bonn den Zettel für 25.000 Euro. Fachleute prüften die Schrift und das Papier: Er ist echt. Aber den Namen des Verkäufers wollte das Museum nicht nennen. Es hatte ihm versprochen, dass er anonym bleibt. Schabowskis Frau Irina war empört: „Das ist der kaltblütige Verkauf einer gestohlenen Sache.“
Ein Reporter gibt nicht auf
Ein Reporter der Zeitung „Bild“ wollte wissen, wer mit dem Zettel Geld verdient hat. Er ging vor Gericht. Zwei Gerichte entschieden für ihn: Für die Öffentlichkeit ist es wichtiger zu wissen, woher der Zettel kommt, als das Versprechen des Museums. Im März 2026 gab das Museum auf und nannte die Namen.
Der erste Verkäufer war der Sohn eines mächtigen Mannes, der für die DDR Devisen besorgte, also Geld aus dem Westen. Von ihm kaufte ein früherer DDR-Bürger den Zettel und verkaufte ihn dann an das Museum weiter.
So erzählt ein Blatt Papier heute zwei Geschichten: wie aus einem Versehen eine offene Grenze wurde und wie aus einem Stück Geschichte eine Ware wurde. Was denken Sie: Wem sollte so ein Zettel gehören?
