Ein Gottesdienst vor etwa 1.600 Jahren. Der Vorleser liest plötzlich eine Bibelstelle, über die vorher niemand mit dem Prediger gesprochen hat. Der Prediger muss sofort etwas dazu sagen. Dieser Prediger ist Augustinus, einer der wichtigsten Denker der Kirche. Seine Worte kannte bis heute niemand. Jetzt hat sie ein Hobbyforscher aus Mecklenburg wiedergefunden.
Eine schwierige Geschichte
Augustinus lebte von 354 bis 430 und war Bischof von Hippo, im heutigen Algerien. Die Bibelstelle steht im ersten Buch Samuel. König Saul hat Angst vor einem Krieg, aber Gott antwortet ihm nicht mehr. Deshalb geht Saul heimlich zu einer Frau in Endor, die mit Toten sprechen kann. Sie ruft den Geist des Propheten Samuel. Und Samuel sagt Saul: Du wirst sterben.

Für Christen war das eine unangenehme Frage. Kann eine Frau, die Tote ruft, wirklich einen heiligen Propheten zurückholen? Oder war es nur ein Trugbild, ein böser Geist, der wie Samuel aussah?
Am Sonntag die Frage, am Mittwoch die Antwort
In der ersten Predigt, an einem Sonntag, erklärt Augustinus vor allem das Problem. Erst am folgenden Mittwoch, in der zweiten Predigt, prüft er beide Möglichkeiten. Ein endgültiges Urteil gibt er nicht: Beide Antworten widersprechen dem Glauben nicht. Dazu kommt ein Gedanke, den man in keinem anderen alten christlichen Text findet. Vielleicht hat Saul nach der schlimmen Nachricht bereut und wurde am Ende doch gerettet.
Typisch Augustinus – Auslegungsoptionen darlegen, ein finales Urteil auslassen und das Publikum selbst nachdenken lassen.
Zwei Wörter in einem Inhaltsverzeichnis
Gefunden hat die Predigten kein Professor, sondern Paul Nebauer vom Klosterverein in Bad Doberan an der Ostsee. Vom Kloster Doberan selbst ist heute kein einziges Buch übrig. Im 13. Jahrhundert haben Mönche aus Doberan ein neues Kloster in Pelplin gegründet, im heutigen Polen. Wie üblich bekam das neue Kloster Bücher mit.

In Pelplin hat Nebauer mehr als 3.000 Seiten alter Handschriften durchgesehen. In einem Buch aus dem 12. Jahrhundert ist er bei zwei lateinischen Wörtern stehen geblieben: „Phytonissa“, die Wahrsagerin, und „Resuscitatio Samuelis“, das Aufwecken Samuels. Solche Worte von Augustinus? Das kam ihm sehr ungewöhnlich vor.
Zwei Jahre Prüfung
Nebauer ist kein Experte für Latein. Deshalb bat er Augustinus-Forscher in Würzburg um Hilfe. Zuerst waren die Fachleute skeptisch: Manche Stellen klangen nicht wie Augustinus. Im Herbst 2025 haben sich in Wien rund 20 Latinisten die Texte genau angesehen. Sie haben Sprache, Stil und Inhalt mit den etwa 600 bekannten Predigten von Augustinus verglichen. Im Mai 2026 war das Ergebnis klar: Die zwei Predigten sind echt.
Bald sollen sie in einer wissenschaftlichen Ausgabe erscheinen. Neue Texte aus der Spätantike sind immer eine Sensation, sagt die Wiener Forscherin Dorothea Weber. Ihr gefällt besonders eine Stelle: Augustinus erklärt den Leuten, warum er sich nicht vorbereiten konnte. So hört man nach 1.600 Jahren einen großen Denker, der improvisieren muss, wie jeder Lehrer, den eine Frage überrascht.
