Junge Leute in der Ausbildung bekommen Aufgaben, die sonst Ingenieure mit Studium lösen. Ohne Hilfe schaffen sie rund 41 Prozent der Punkte, mit ChatGPT rund 70 Prozent. Und danach verstehen sie den Stoff nicht schlechter, sondern oft sogar besser. Das zeigt ein großes Experiment an deutschen Berufsschulen.

Ein Los entscheidet
Die Studie kommt vom ifo Institut in München und drei Partnern aus der Forschung. Von Oktober 2025 bis Januar 2026 haben 673 Auszubildende an 12 Berufsschulen mitgemacht. Alle lernen den Beruf Fachinformatiker und standen kurz vor der Abschlussprüfung.
Vor jeder Sitzung zogen die Azubis eine Nummer. So kamen sie zufällig in einen von zwei Räumen. Im ersten Raum bekam jeder einen eigenen Zugang zu ChatGPT Pro und zum Internet. Im zweiten Raum arbeiteten alle wie in der echten Prüfung, ohne Internet. Worum es eigentlich ging, wusste niemand.
Zuerst lösten alle dieselbe Aufgabe ohne Hilfe, und beide Gruppen waren gleich gut: Das Los hatte fair verteilt. Dann kamen eine Aufgabe auf dem Niveau der Abschlussprüfung und zwei, die bewusst über den Lehrplan hinausgingen, etwa Softwarearchitektur, maschinelles Lernen oder der Umzug von Systemen in die Cloud. Das ist Arbeit für Einsteiger in Berufen, für die man normalerweise studiert.
Fast doppelt so viele Punkte
Mit KI holten die Azubis bei allen drei Aufgaben deutlich mehr Punkte, und sie brauchten dafür nicht länger. Am größten war der Sprung dort, wo es ohne KI am schlechtesten lief. Bei einer Aufgabe zur Anwendungsentwicklung schaffte die Gruppe ohne KI nur 4 Prozent der Punkte, mit KI waren es 54 Prozentpunkte mehr.
Ein Teil des Effekts ist sehr menschlich. „Viele Azubis ohne KI versuchten die schwersten Aufgaben gar nicht erst“, sagt der Ökonom Philipp Lergetporer von der Technischen Universität München. Mit KI wagten sie sich heran, waren weniger frustriert und hatten mehr Freude an der Arbeit.
Krücke oder Werkzeug?
Der naheliegende Einwand: Wer die Antwort der Maschine nur abschreibt, bekommt Punkte, lernt aber nichts. Eine frühere Studie hatte genau das gezeigt: Schüler mit einem KI-Tutor ohne Grenzen waren danach in Mathematikprüfungen ohne Hilfe schlechter. Deshalb mussten hier alle nach jeder Aufgabe 4 Fragen zum Inhalt beantworten, ohne KI. Das Ergebnis: Die Gruppe mit KI war bei keiner Aufgabe schlechter, oft sogar besser.
Wer profitierte am meisten? Nicht die Azubis mit dem höheren Schulabschluss, sondern die, die praktisch gut mit KI umgehen können: Fehler erkennen, gute Fragen stellen, mit der Maschine lernen. 84 Prozent nutzen KI schon in der Berufsschule, aber nur 16 Prozent sagen, dass sie dort lernen, wie man richtig damit umgeht. Neue Regeln helfen wenig, warnen die Forschenden, wenn die Lehrkräfte die Werkzeuge schlechter kennen als ihre Schüler.
Was noch offen ist
Zwei Grenzen nennt das Team selbst. Das Verständnis wurde direkt nach der Aufgabe gemessen, nicht Wochen später. Ob das Wissen bleibt, muss weitere Forschung klären, sagt die Ökonomin Hanna Brosch aus Erlangen. Außerdem hatte die Gruppe ohne KI auch kein Internet. Am echten Arbeitsplatz kann jeder etwas nachschlagen, dort ist der Unterschied also wohl kleiner.
Trotzdem ist das Ergebnis wichtig. Studien zeigen nämlich, dass Firmen in Berufen, in denen KI viel kann, weniger Anfänger einstellen. Vielleicht geht es also weniger darum, ob junge Leute mit KI etwas leisten können, als darum, ob Firmen ihnen die Chance dazu geben. Und Sie? Nutzen Sie KI beim Deutschlernen eher als Krücke oder als Werkzeug?