„Wie heißt das Zauberwort?“, fragen Eltern in Deutschland, wenn ihr Kind etwas haben will. Die Antwort kennt jedes Kind: „Bitte!“ Doch als Erwachsene sagen junge Leute dieses Wort immer seltener. Sind sie also unhöflicher geworden? Sprachforscher aus Berlin und Bielefeld sagen: Nein. Sie sind nur anders höflich.

Ein Fragebogen für drei Länder
Das Forschungsprojekt heißt „Variantenpragmatik des Deutschen“. Linguisten aus Berlin, Bielefeld, Salzburg und Zürich untersuchen, wie Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Alltag miteinander sprechen. Sie haben vor allem mit Online-Fragebögen gearbeitet. Die Teilnehmer lesen eine Situation aus dem Alltag und schreiben auf, was sie dort sagen würden. So kann man Antworten von Jungen und Alten gut vergleichen.
Nicht einmal jede vierte Bitte
Das Ergebnis: Wer 30 Jahre alt ist, sagt „bitte“ in weniger als einem Viertel seiner Bitten. Menschen mit 70 sagen es fast doppelt so oft. Auch das „Sie“ hört man seltener. „Unsere Daten zeigen deutlich: Jüngere Menschen duzen häufiger als ältere“, sagt die Linguistin Janel Zoske von der Freien Universität Berlin.
„Vielleicht“ statt „bitte“
Trotzdem sind die Jüngeren nicht unhöflich. Sie benutzen andere kleine Wörter, zum Beispiel „vielleicht“, „eventuell“ oder „kurz“. Ein Satz aus der Studie: „Kannst du mir das vielleicht erklären?“ Hier fehlen „bitte“ und „Sie“, und trotzdem klingt die Frage freundlich. Auch der Konjunktiv hilft: „Hättest du Zeit?“
Warum funktioniert das? Henrik Discher, ebenfalls Forscher an der Freien Universität, erklärt: Solche Wörter lassen dem Zuhörer mehr Spielraum. Ob und wie er auf die Bitte reagiert, bleibt ihm überlassen.
Junge Menschen sind gar nicht unhöflich.
Im Süden alles auf einmal
Auch die Region spielt eine Rolle. Im Süden benutzen die Menschen eher mehr Höflichkeitswörter als im Norden, oft mehrere auf einmal. Discher nennt ein Beispiel: „Könnte ich bitte eventuell ganz kurz mal?“ In der Schweiz grüßt man oft mit dem Namen: „Hoi Julia!“ Viele Schweizer finden die Deutschen sehr direkt. Aber gute Belege dafür, dass man in Deutschland wirklich unhöflicher spricht, gibt es bisher nicht.
Was heißt das für uns?
Discher spricht nicht von einem großen Wandel, sondern von ganz normalem Sprachwandel. Die Forscher wollen auch nicht urteilen, was höflich ist. Das entscheidet am Ende der Mensch, der die Bitte hört. Am 4. November haben sie in Berlin öffentlich darüber diskutiert. Der Titel des Abends: „Wie höflich spricht Berlin?“
Für Deutschlernende heißt das: Mit „bitte“ macht man nichts falsch. Aber wer junge Deutsche verstehen will, sollte auf die kleinen Wörter achten: „kurz“, „mal“, „vielleicht“. Und du? Sagst du lieber „bitte“ oder „kurz mal“?