„Der gute alte Mann ist mit dem Pferd durchs Eis gebrochen und in das kalte Wasser gefallen.“ Diesen traurigen Satz haben vor rund 150 Jahren Lehrer in über 40.000 Orten aufgeschrieben. Aber niemand hat den alten Mann gesucht. Man hat etwas anderes gesucht: Wörter.
Wo endet ein Dialekt?
Georg Wenker ist 1852 in Düsseldorf geboren. Er hat in Zürich, Bonn und Marburg studiert. 1876 war er erst 24 Jahre alt. Ihn hat eine Frage interessiert: Wo genau endet ein Dialekt, und wo beginnt der nächste?
Bei Düsseldorf gab es so eine Grenze. Im Norden haben die Menschen „maken“ gesagt, im Süden „machen“. Wenker hat die Grenze 1877 nach dem Ort Benrath benannt. Man nennt sie bis heute die Benrather Linie.
Seltsame Sätze mit Absicht
Wenker hatte eine einfache Idee. Er hat einen Bogen mit kurzen Sätzen an die Schulen geschickt. Die Lehrer sollten jeden Satz so aufschreiben, wie man ihn in ihrem Ort spricht. Manchmal haben auch die Schüler geschrieben.
Später waren es 40 Sätze, und viele klingen ein bisschen komisch. Der erste heißt: „Im Winter fliegen die trocknen Blätter durch die Luft herum.“ Der fünfte: „Er ist vor vier oder sechs Wochen gestorben.“ Warum vier oder sechs? Das war egal. Wichtig waren die Laute. In jedem Satz stehen Wörter, die in vielen Dialekten anders klingen. Ein Beispiel ist der „Apfel“: Im Norden hat man ihn im Dialekt mit „p“ geschrieben, ohne „f“.

Karten mit der Hand
Bis 1887 sind 44.251 Bögen aus 40.736 Orten zurückgekommen. Wenker war inzwischen Bibliothekar in Marburg. Ab 1888 haben er und zwei Kollegen die Antworten in Karten eingetragen, alles mit der Hand und in vielen Farben. Wenker ist 1911 gestorben. Fertig waren die Karten erst 1923: 1.668 Stück.
Ganz gedruckt hat man diesen Atlas nie: Das war zu schwer und zu teuer. Es gibt nur 2 Originale, und die Farben werden langsam blass. Heute kann aber jeder die Karten im Internet ansehen.
Und heute?
Auch die alten Bögen sind in Gefahr: Das Papier und die Tinte zerfallen. Deshalb hat man sie gescannt. In Marburg arbeiten heute etwa 40 Forscher am Deutschen Sprachatlas. Im März 2026 haben sie 150 Jahre gefeiert. Jetzt hilft ihnen auch die KI: Sie soll Dialekte am Klang erkennen.
Und du? Wie klingt der Satz vom alten Mann und dem Pferd in deiner Sprache?